AD(H)S - der Systemsprenger
- Dipl.-Soz. Iris Wieg, HPP

- 10. Aug.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 19. Aug.
Spätestens seit Nora Fingscheidts Film "Systemsprenger" hat ein breiteres Publikum realistische Eindrücke davon erhalten, wie Kinder mit AD(H)S sich selbst und ihre soziale Umgebung oft an ihre Grenzen (und darüber hinaus) führen. Bezugspersonen und Unterstützer spiegeln oft nur allzu sehr das Verhalten der Betroffenen, wenn die Geduld aufgezehrt ist, Überforderung oder gar schiere Verzweiflung die Oberhand gewinnen. Um hier allen Beteiligten Wege aufzuzeigen, wie sie (wieder) konstruktiver reagieren können, bedarf es einer sorgfältigen Diagnostik, spezifischer Informationen über das Störungsbild und Verhaltensstrategien.
Dabei geht es zum einen um grundlegene Informationen über die Störung, die sich leider nicht "einfach auswächst". Eine Diagnose wird bei Kindern sinnvollerweise mit Eintritt in die Grundschule gestellt, also ab dem 6. Lebensjahr, da sich dann Herausforderungen an das Konzentrationsvermögen, die Aufnahmefähigkeit und die Impulskontrolle stellen (um nur die Hauptkriterien des Störungsbildes zu nennen), denen Kinder mit einer AD(H)S auf deutlich andere Weise entsprechen als Kinder, die das Störungsbild nicht zeigen. Nicht alle unruhigen Kinder haben AD(H)S! Wichtig ist mir bei meinem Behandlungsansatz, von vornherein eine reine Defizit-Sicht zu vermeiden: Kinder (wie auch Erwachsene) mit AD(H)S haben immer auch ganz spezifische Ressourcen, die sie auszeichnen und mit denen sie sich von anderen absetzen. Dazu zählen u. a. eine erhöhte Flexibilität und Kreativität im Umgang mit neuen Themen; manche Betroffene sind bei entsprechender Förderung und Motivation auch in der Lage, auf bestimmte Themen zu hyperfokussieren, also eine deutlich intensivere Beschäftigung und Leistungsfähigkeit zu entwickeln.
Der aktuelle Stand der wissenschaftlichen Forschung zu den möglichen Ursachen der AD(H)S ist, dass es sich um eine (zeitliche überdauernde) Störung des Gehirnstoffwechsels handelt. Zwillingsstudien legen zudem nahe, dass es eine deutliche genetische Komponente gibt, d.h. AD(H)S wird offenbar durchaus vererbt.
Wie andere Stoffwechselstörungen ist AD(H)S (derzeit jedenfalls) nicht heilbar. Da es sich um ein sehr komplexe Störungsbild handelt, ist eine irgendwie geartete monokausale Erklärung (Ursachenfindung) nicht möglich. Die psychotherapeutische Behandlung zielt dementsprechend darauf ab, die Kontrolle über die Störung und ihre eher belastenden Symptome zu gewinnen anstatt sich immer wieder als deren Opfer zu erleben. Dabei muss festgestellt werden, dass eine Therapie im engeren Sinne nicht in jedem Fall nötig oder sinnvoll ist. Gerade Erwachsene mit AD(H)S benötigen oft eher eine Art spezielles Coaching bzw. eine Vermittlung von Verhaltenstechniken, um mit ihren Symptomen besser umgehen zu können. Insbesondere die Unterstützung bei Aufgaben, bei denen sowohl die Aufmerksamkeitssteuerung als auch das Umgehen mit Stimmungsschwankungen gefragt sind, ist wichtig (Stichwort "Aufschieberitis"). Darüber hinaus kann es in Folge einer nicht erkannten AD(H)S zu Folgeerkrankungen (Komorbiditäten) kommen, die dann u. U. zuerst behandelt werden müssen. Dazu zählen insbesondere Suchterkrankungen, depressive Episoden, aber auch Angststörungen.
Für Kinder ist ebenfalls eine themenspezifische Unterstützung der unterschiedlichen Leistungsbereiche wichtig. Zudem gilt es neben einer medizinischen Abklärung der Symptome auch das Thema der Teilleistungsstörungen (z. B. Lese-Rechtschreib-Störung) im Blick zu behalten. Es kann - je nach Entwicklungsstand des Kindes - sinnvoll sein, verschiedene Behandlungsmöglichkeiten mit der psychologischen Behandlung zu kombinieren, wie z. B. Ergotherapie und Physiotherapie.
Insbesondere ist es aber aus meiner Sicht von entscheidender Bedeutung, die Eltern von AD(H)S-Kindern zu unterstützen, um den dadurch gegebenen zusätzlichen Anforderungen im Alltag gerecht werden zu können. So wichtig es ist, ein Kind mit AD(H)S nach Kräften zu unterstützen, so wichtig ist es die eigene Selbstfürsorge nicht zu vernachlässigen. Das ist, wie sicherlich jeder Betroffene weiß, leichter gesagt als getan. Aber auch hier lohnt sich ein kleiner Realitätscheck der eigenen Erwartungen, die vielleicht längst einmal hätten korrigiert werden müsst
en. Im laufenden Alltagsbetrieb fehlt dazu in der Regel die Zeit bzw. der innere Abstand vom Geschehen. Eine AD(H)S- Behandlung in meiner Praxis greift diesen wichtigen Aspekt in jedem Fall mit auf.




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